Kinoplakat: A Most Wanted Man
Die Galavorstellung des
Philip Seymour Hoffman
Titel A Most Wanted Man
(A Most Wanted Man)
Drehbuch Andrew Bovell
nach dem Roman von John Le Carré
Regie Anton Corbijn, UK, USA, Deutschland 2014
Darsteller

Philip Seymour Hoffman, Rachel McAdams, Willem Dafoe, Daniel Brühl, Nina Hoss, Robin Wright, Grigoriy Dobrygin, Derya Alabora, Herbert Grönemeyer, Martin Wuttke, Kostja Ullmann, Homayoun Ershadi, Mehdi Dehbi, Vicky Krieps, Dieter Mohr, Franz Hartwig u.a.

Genre Thriller
Filmlänge 122 Minuten
Deutschlandstart
11. September 2014
Inhalt

Issa Karpov schlägt sich illegal nach Hamburg durch. Zuflucht findet der russischstämmige Tschetschene in der islamischen Gemeinde der Hansestadt. Er bleibt nicht lange unentdeckt.

Auf einer Überwachungskamera am Hauptbahnhof filtert ihn ein Agent einer geheimen deutschen Spionageeinheit aus der Menge und identifiziert ihn. Karpov soll in Mord und Terror gegen Russland maßgeblich beteiligt sein. Der Chef der Einheit, Günther Bachmann, glaubt das nicht – es ist ihm aber auch egal. Er braucht karpov, weil er einen anderen Mann fassen will, einen mutmaßlichen Finanzier islamistischen Terrors, der in Hamburg lebt unter dem, so ist bachmann überzeugt, Deckmantel wohltätiger Segnungen.

Karpov kam ursprünglich nach Hamburg, weil er aus dem Nachlass seines Vaters Geld holen will, etwa zehn Millionen Dollar. Aber mittlerweile will er das Geld nicht mehr; es sei schmutzig, es klebe Blut daran, sagt er der Anwältin Annabel Richter, die für ein Netzwerk arbeitet, das dem islamistischen Untergrund in der Hansestadt nahesteht.

Bachmann macht sich Richter und den Bankier Thomas Brue mit Drohungen gefügig. Sie sollen ihm helfen, dass Karpov das Geld doch nimmt und dann spendet an Dr. Faisal Abdullah, jenen Mann, den Bachmann in verdacht hat, Terroristen zu finanzieren …

Was zu sagen wäre

Wir feiern die Rückkehr des stillen Agententhrillers. Filme in der Tradition der 3 Tage des Condor, in dene echte Menschen, nicht designte Actionfiguren Schutz und Deckung suchen in Absteigen, niemandem vertrauen und das Tempo eher langsam geht.

Gute Gesichter, Gute Bilder, Gute Story

Anton Corbijn hat schon mit The American (2010) gezeigt, dass er es nicht eilig hat, mit dem Erzählen seiner Geschichten. Damals hat das nur bedingt funktioniert – die Story war zu dünn, die Besetzung nicht reif. Jetzt, vier Jahre später, ist die Story komplex, die Akteure handverlesen, die Kameraarbeit exquisit, das Produktionsdesign authentisch. Am wenigsten überrascht wohl Robin Wright als mehrgesichtige CIA-Agentin Martha Sullivan – sie könnte die schwarzhaarige Cousine der blonden Claire Underwood aus der Webserie „House of Cards“ sein; da ist sie auch nicht durchsichtiger.

Eine große Überraschung bietet uns Rachel McAdams, der Corbijn allen Raum gibt, ihr süßes-Mädchen-von-nebenan-Image abzustreifen (Alles eine Frage der Zeit – 2013;Für immer Liebe – 2012; Midnight in Paris – 2011; Morning Glory – 2010; Sherlock Holmes – 2009; State of Play – 2009; Red Eye – 2005; „Wie ein einziger Tag“ – 2004); für ihre Schönheit kann sie nichts, aber in ihren Parkas, den zottelligen blonden Strähnen in dem grün-gelben Licht, in das sie unablässig getaucht wird, kommt eine neue McAdams zum Vorschein – ziellos, die Tochter aus verwöhntem Haus, die nicht weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen soll, Jura studiert hat, wahrscheinlich, weil man das in ihren Kreisen halt macht und dann abgedriftet ist. Sie spielt diese Annabel glaubhaft. Als Banker gibt Willem Dafoe (John Carter: Zwischen zwei Welten – 2012; „Ripley Under Ground“ – 2005; „xXx 2 – The Next Level“ – 2005; Spider-Man – 2002; „Shadow of the Vampire“ – 2000) ein ungewohntes Gastspiel; dem zerfurchten, hageren Mann ist der wohlige deutsche Pfeffersack-Bankier schwer zu glauben – aber der Bankster mit zwielichtigen Konten sofort. Ein überraschend gut funktionierendes Type-casting.

Ohne Philip Seymour Hoffman ist die Leinwand kleiner

Im Mittelpunkt des Ganzen aber füllt Philip Seymour Hoffman die Leinwand aus (Die Tribute von Panem – Catching Fire – 2013; Moneyball – 2011; The Ides of March – 2011; „Der Krieg des Charlie Wilson“ – 2007; Mission: Impossible III – 2006; „Capote“ – 2005). Es irritiert etwas, dass er einen Deutschen spielt, einen Günther mit glaubhaftem deutschen Akzent, aber weil er und seine – echten deutschen – Mitarbeiter, Nina Hoss, Daniel Brühl, Kostja Ullmann – englisch miteinander sprechen, glaubt man sich in einer Außenstelle einer Unterabteilung der CIA oder eines der andreren US-Geheimdienste. Aber das ist eher ein Fehler im Buch, das nicht deutlich genug zu machen (im Vorspann wird lediglich auf die Tatsache Bezug genommen, dass die Terroristen des 11. September 2001 ihre Aktionen in Hamburg geplant hätten, weshalb deutsche und andere Geheimdienste „darauf erpicht“ seien, dass sich so etwas nie wiederholt).

Hoffman gibt diesen Günther als wahrhaft desillusionierten, von allen Wassern verwaschenen, harten, trinkenden Dienstleister, der, wenn er gefragt wird, was das Fernziel seiner Mission sei, immer dasselbe antwortet: „To make the world a better place“. und man sieht ihm an, dass er selber nicht dran glaubt. Wenn er Rachel McAdams hinterherguckt, wenn seine Augen vor Sehnsucht nach Nina Hoss überlaufen, möchte man diesem armen Kerl, der brutal zu sich und anderen ist, alle schönen Frauen dieser Welt in den Arm wünschen. Hoffman! ist! großartig!!!

Die tödlichen Albernheiten der Geheimdienste

Nur mit Schauspielern wie den genannten, kann man einen Film wie diesen, in dem nach außen nicht gar so viel passiert, über zwei Stunden hinweg inszenieren. Durch die Augen des Licht setzenden Kameramannes Benoît Delhomme schaut man diesen Typen gebannt zu, fassungslos über die tödlichen Albernheiten dieser geheimdienstlichen Tätigkeiten, bei denen der eine Dienst dem anderen nicht traut und dauernd gegenseitig die Zeugen und … Spielfiguren wegnimmt. Ein Film wie dieser nach einer Vorlage aus der zynischen Feder John Le Carrés mit Blick auf geheimdienstliches Versagen in Deutschland – aktuell seit Jahren rund um die NSU-Morde – lässt keine Fragen mehr offen.

Diese Geschichte über Schuld und Ungewissheit an den diversen Fronten des Anti-Terror-Kriegs ist großes Agentenkino. Die haben in da in St. Pauli und rund um die Binnenalster einen guten Job gemacht. Leider war er an der Kasse nur mäßig erfolgreich. Bei einem (geschätzten) Budget von 15 Millionen Dollar kamen weltweit etwa 31,6 Millionen Dollar in die Kassen.

Wertung: 8 von 8 €uro