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Drei Ruderboote auf der Mosel

Kein Bier im Weinberg

Christoph Hartung berichtet von einer Moselfahrt Mitte November

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Neun Uhr steht auf der Dispo, Samstagmorgen, 12. November 2005. Gestern haben die Mainzer die Fastnacht eröffnet. Man freut sich an Zugenten, die blinken, dafür um die vier Euro kosten. Es sind alle pünktlich. Ein Fastnacht-Fieber kann nicht diagnostiziert werden. Irgendwie angenehm. Es bestünde die Gefahr, dass einer im Start Set das Humpta-Humpta anstimmt.

Start Set, Loreley und Jochen Seek sollen uns über die Mosel tragen. Von Bernkastel-Kues nach Traben-Trarbach, wo wir in einer Jugendherberge übernachten und von Traben-Trarbach nach Zell. Zell hat vereinsintern Berühmtheit erlangt wegen eines Rosenbeetes, welches einst kurzzeitig als Lagerstätte für den Eins-Vau gedient haben soll. Als Augenzeugen werden mir Hendrik und Ana Paula genannt.

An Bord sind
Christof Schleyer (Chef OK / Fahrtenleiter), Jürgen Werner, Anne Werner, Julia Werner, Rolf Assel, Peter + Brigitte Hoffmann, Ana Paula Mato da Silva, Doris Werner, Hendrik Ahrens, Christiane Schweitzer, Ulrike Jann, Steffen Deumlich, Eva Maria Schmidt, Jan Becker, Christoph Ostertag, Christoph Hartung

Verpflegung unterwegs an der Schleuse12. November, um viertel nach neun sind wir mit drei Autos auf der Strecke, strahlender Sonnenschein, am blauen Himmel ein paar Wattewölkchen. Und kein Dornfelder an Bord. Von den einen genutzt gegen Rückenschmerzen in Schleusen, von den anderen gegen die Gefahr tumber Routine im "Maschinenraum".

Es gibt Riesling und andere Weiße. Den Gedanken, vorzeitig wieder abzureisen, verwerfen wir. Das Wetter ist zu schön.

Halb zwölf legen wir ab. Das Wasser glatt wie Glas. Ich kann im Kurzärmeligen rudern, backbord und steuerbord, an Bug und Heck strahlen herbstbunte Weinhänge, von der tief stehenden Sonne in orange-gelbes Licht getaucht. Eine Schwanenfamilie, die sich nicht rechtzeitig duckt, bekommt mein Skull ins Federkleid - "langsam vorrollen" mahnt Rolf.

Hendrik, im Boot mit Doris, Christiane und Christoph O. wird zum Frauenbeauftragten erklärt - Aus Sympathie nennt Christoph sich um - "der Region angepasst" Loretta.

Loretta von Sponheim - Powerfrau im Mittelalter (1300 - 1346)
Bei Traben Trarbach circa 250 Meter hoch über der Mosel liegt der Ort Starkenburg - erbaut auf den heute noch sichtbaren Ruinen der Burg Starkenburg. Sie war die Hauptburg der hinteren Grafschaft Sponheim. Hier lebte Loretta Gräfin von Sponheim.

Jung Witwe geworden und Mutter dreier unmündiger Kinder, bewährte sich Loretta von 1323 bis 1331 als kluge Regentin Sponheims. Durch die Gefangennahme des bedeutendsten Reichsfürsten ihrer Zeit, des Trierer Erzbischofs Balduin von Luxemburg, ging die Kleinfürstin in die Geschichte ein. Dieser Balduin war einer der einflussreichsten Männer Europas, der seinen Machtbereich mit Rückendeckung seines Bruders, Kaiser Heinrich VII., und des Papstes ausdehnte. So auch gedachte Balduin der kleinen Witwe mit Juristerei und Administrativem beizukommen und sie zu zwingen, ihm den Riegel ihres Besitzes in seinem Eigentum zwi¬schen Trier und Koblenz zu öffnen.

Die Witwe dachte nicht daran. Sie stoppte des Kurfürsten Schifffahrt mittels unter der Moselwasserfläche gespannter Kette und nötigte Balduin zu einem „ehrenvollen Aufenthalt auf Starkenburg“. Eine gewaltsame Befreiung schien aussichtslos, da die Felsenfeste über Enkirch als uneinnehmbar galt. In dem Vertrag, den Loretta dem Erzbischof abrang, wurde der Birkenfelder Streit beigelegt. Balduin verzichtete auf jeden Burgenbau in diesem Raum.

An der Schleuse Zeltingen der erste längere Aufenthalt. Offenbar ist Winter befohlen, Ruderboote hat es jetzt, Mitte November, auf der Mosel nicht mehr zu geben, die kleine Schleuse ist dicht, wir müssen mit den großen sinken und - natürlich - auf sie warten. Jetzt fehlen Heino und seine Schleusenwitze. Steffen gibt - als wir durch sind - alles, das Manko vergessen zu machen, aber mehr als ein laut gemurmeltes "Das Tor geht auf, das Tohoor geht auf, dahaas Toohooor geheet ahauuf" in D-Moll schafft er nicht. Hendrik, traditionsbewusst, widmet dem Schleusenwart ein strammdreifaches HIPPHIPPHURRAmitkurzemA aus 15 Kehlen.

Kurz hinter der Schleuse ist Fahrerwechsel in der Minna.

Der Nachmittag an Bord wie gehabt: Goldgelb, Glasglatt, Loretta, Riesling und - das ist selten der Fall - Anrudern gegen die Dunkelheit, um viertel nach fünf macht Petrus das Licht aus. Pinkelpausen werden betont kurz gehalten.

Als das letzte Boot in Traben-Trarbach aus dem Wasser ist, ist es dunkel. Und eigentlich rufen alle nach Dusche. Was aber nicht geht, weil der Eins-Vau und der ÄrWeeÄlÄss zuvor noch den "Wirt beleidigen gehen müssen" im RCTT (Ruder-Club Traben-Trarbach). Die Dusche verschiebt sich um zwei Hefeweizen. Unser Ehrenvorsitzender, Peter Hoffmann, erinnert sich, hier mal Striptease getanzt zu haben - "lang her, die Frauen waren draußen in Zelten untergebracht." Aus diesen Tagen muss ein 16mm-Film oder eine VHS-Kopie existieren, sagt Peter. Anregungen, diese VHS auf der anstehenden MRG-Siegerfeier zu zeigen, werden mit einem halbherzigen aujaah kommentiert - und dann schnell vergessen.

Übernachtet wird in der Jugendherberge von Traben-Trarbach - Männlein und Weiblein in getrennten Zimmern, zumindest, solange es aufgeht. Die anderen sind verheiratet oder halten sich für "erwachsen genug".

Auf der Mosel vor der Schleuse EnkirchBeim anschließenden Abendessen im Restaurant Storke Stütz reden alle durcheinander. Am lautesten eine Lehrerin am Nachbartisch, deren Kinder und Ehemann wahrscheinlich schwerhörig sind. Jürgen sucht den halben Abend über nach neuen, knackigen Abkürzungen für seine Position, aber außer einer voll gekritzelten Papierserviette mit Begriffen wie WGZTR oder OPARIMRG kommt wenig rum. Julia stellt uns ein Rätsel. Wir sollen die folgende Buchstabenkombination um zwei weitere logisch darauf aufbauende Buchstaben ergänzen: Z, E, Z, D, V, F, S, __, __. "Mit so was testen sie bei uns Hyperintelligente", sagt sie. Wir sind nur Ruderer. Und bleiben es.

Hendrik kündigt nach dem dritte Weißbier eine "Performance" an, in der ein an der Decke hängendes Wagenrad, zwei paar Handschellen und er selbst in unbekleidetem Zustand eine wesentliche Rolle spielen. Vielleicht, weil wir alle erwachsen sind, vielleicht, weil wir müde sind, bleibt das Wagenrad an der Decke des von massivem Schiefer ummantelten Gewölberestaurants am Ende unbehelligt.

Jugendherbergsfrühstück. Früher nannten wir durchsichtig braun gefärbtes Wasser aus der Kanne Boden-seh-Kaffee - heute sind wir erwachsen und trinken stattdessen die doppelte Menge. Die Nacht im schmalen Etagenbett, das Warten auf die frei werdende Dusche, das schmale Bett, die fröhlichen Spätheimkehrer, die dem "Zivi in der Caféteria" solange zugesetzt haben, bis der die Toiletten abschloss und verschwand - angeblich wurde deswegen noch später in der Nacht ein Gummibaum in Mitleidenschaft gezogen, aber das will am nächsten Morgen niemand mehr genau wissen - all dies erinnert uns daran, dass in der Jugend nicht alles besser war und der Blick zurück vieles verklärt.

Doris und Ulrike haben die Bootseinteilung übernommen. Noch ist unklar, wie das Wetter werden wird. Der Himmel ist bewölkt, die Luft kühl. Wir haben beim Einsteigen ins Start Set vergessen, Proviant zu laden. Der Frauenbeauftragte vermisst frisches Bier. Ana Paula und Christof sind müde. Im Start Set - Rolf, Anne, Steffen, Christof S. - überholen wir sogar den Frauenbeauftragten-Doppelvierer. Als der Landdienst bei passender Gelegenheit BECK`s in die Boote reicht, verweigert sich der ÄrWeeÄlÄss. Was ist los? Das macht er sonst nie. Hätten wir nicht überholen dürfen? Rolf macht mich auf die "Pinkelkurven" aufmerksam, die ich steuere. Weil ich unsere Reise aauf Video festhalte, kann ich nur mit einer Hand steuern. Geradeaus fahren im Auto ist einfacher.

Auf der Mosel vor der Schleuse EnkirchEin lauschiger kleiner Strand, an den Steffen sich erinnerte - "Da hammama Pinkelpause jemacht!" - wird Schauplatz unserer Mittagspause ("Jungs rechts, Mädels links, bitte!"). Es gibt dort zwei Fraktionen: Diejenigen, die ihr Boot "über Kiel" verlassen - also weitgehend trockenen Fußes - und diejenigen, die mutig Schuh und Strümpfe ausziehen und später über kalte Füße, die nicht warm werden wollen, klagen. Als ein Tanker später unsere drei Boote zuerst ins Wasser zieht und dann auf den Strand zurückwirft, hat auch die "Über-Kiel"-Fraktion wg. überstürzter Festhaltaktionen nasse Füße. Christoph O. vermisst später seine Socken.

Die zehn Kilometer bis Zell rudern sich bei goldener Novembersonne fast von allein. Christof, der unser Steuer übernommen hat, nutzt die Zeit, uns auf Sehenswürdigkeiten und "Prallhänge" aufmerksam zu machen. Warum der Ruderverein Zell seinen Steg abgebaut hat - weil er uns ärgern will? Schifffahrtsrecht? - bleibt im Dunkeln; zumindest wird das Ausheben auf dem algig-glitschigen Stein noch mal zum Abenteuer.

Die Planung war fast perfekt - mal abgesehen, darauf legt Hendrik Wert, vom Bier, das bis tief in die erste Nacht gereicht hat (andere Zungen sprechen vom "Bier, das Hendrik tief in der ersten Nacht leer trank" und dann an den Gummibaum weitergab). Als alles verstaut ist und wir auf die drei Autos verteilt sind, ist gerade die letzte Scheibe Brot verbraucht.

Ein strammdreifaches HIPPHIPPHURRAmitkurzemA auf den FL und seinen sensationellen Wetter-Deal - mitten im November.

November 2005

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