Kurz vor Gemünden platzt die Thermoskanne. Im Fußraum der Minna platziert, ist sie dem Tür zuschlagen zum Opfer gefallen. Ein Liter heißer Kaffee ergießt sich auf die Landstraße. Christof ist not amused. Ohne Kaffee kommt er nicht in die Gänge, sagt er, weist aber gleichzeitig darauf hin, man solle nicht glauben, er habe nur eine Thermoskanne dabei. Scherben bringen Glück. Scheint gut vorbereitet zu sein, diese Wanderfahrt in den Spessart.
Von Gemünden bis kurz hinter Wertheim soll es gehen. Rund 70 Kilometer insgesamt. Drei Tage lang, Fronleichnams-Wochenende. Wir haben Start Set und Wasserläufer dabei. Christof Schleyer hat geplant. Angeschlossen haben sich Jürgen, Heino, Ruth, Schnuppererin Katrin, Markus, Schnupperer Steffen, Schnuppererin Anna Paula, Schnuppererin Araceli, Steffi und ich, auch Schnupperer. Elf Leute, zwei Boote, acht Plätze. "Drei machen Landdienst", rechnet Ruth aus.
Wir setzen am Kanu- und Skiclub Gemünden ein. Die, die schon früher mit an Bord waren, schwärmen im Vorfeld von "fröhlichen Runden", "geselligen Grillabenden", "kernigen Nächten im Schlafsack". Und Ruth schrieb in einem Artikel für den Bootssteg, zwischendrin werde auch ein Gläschen getrunken.
Start Set ist fünf Minuten im Wasser. Die Mannschaft - Markus, Steffen, ich und Jürgen - richtet sich ein. Stemmbretter verschieben, Schienen justieren. "Ich mach mal den Weißwein auf!" verkündet Steuerfrau Ruth.

Es wartet die erste Schleuse. Frieder hatte in unserer letzten Schnupperstunde extra still-sitzen-in-der-Main-Schleuse ("die besonders ätzend sind") geübt. Die "Schleuse" ist für einen Ruder-Newbi, was dem Autofahrer eine Stadtrundfahrt in Palermo ist. Ruhig bleiben. Still sitzen. Tief durchatmen. Skulls festhalten. In der dritten Hand den Paddelhaken. Und dann: Bloß nirgendwo anstoßen und dabei so tun, als sei man ganz cool. Plötzlich wird sogar das sehr gutmütige Start Set mit seinen fünf Individuen an Bord sehr schmal.
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Heino, Ara und Anna Paula haben bei der Kanuabteilung des TSV-Lohr einen wunderbaren Rastplatz besorgt. "Wer hat mal das Messer?" - "Wo ist denn der Wein?" - "Wo du grad dabei bist, kannst du noch `n paar Scheiben abschneiden?"; Blasen-im-Handteller-pflegen.
Der Nachmittag dieses Fronleichnams wird eine feuchte Angelegenheit. Meine Blase in der Handfläche hat mich in den Landdienst getrieben. Mit Steffi und Christof suchen wir einen Platz zum Übernachten. Unser Ruderwart macht bei der "Rudergesellschaft Marktheidenfeld" alles klar für zwei Übernachtungen. Mich schickt er bei strömendem Regen in der Minna los, die Ruder-Kameraden zu finden, die irgendwo bei Kilometer 194 und Gewitter ausgesetzt haben und jetzt auf Autoheizung und Trockenheit im Peugeot harren.
"Hey Suuper! Klasse, dass Du da bist!", empfangen mich entspannte Ruderer im Kreise von mehreren leeren Flaschen. "Hast Du Wein mitgebracht?" Sie haben einen stabilen Unterstand gegen den Regen gefunden, der lange aufgehört hat. Längst ist klar: Es wird weitergerudert.
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Todmüde sind an diesem Abend alle. Wir halten aus bis Mitternacht. Christof hat Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch.
Mit Pause auf dem Campingplatz und Yachthafen in Bettingen - Kilometer 167 - schaffen wir es am zweiten Tag bis nach Wertheim, wo wir uns die alte Burg anschauen und die herrliche Aussicht von dort auf den Main bewundern - immer wieder schön, einen Ort zu erleben, den ich sonst nur aus den Verkehrsnachrichten kenne.
Am Morgen hatte Christof mich in den Wasserläufer beordert, offenbar, um sich meine Ruderfähigkeiten zur Brust zu nehmen: Mal hebe ich die Skulls zu hoch aus dem Wasser - schon Torsten Duin hatte mir in Schnuppertagen das Gefühl für "homöopathische Kügelchen" zu vermitteln versucht, über die die Blätter im Idealfall laufen sollten - mal drehe ich die Blätter nicht korrekt aus dem Wasser, mal sitze ich nicht gerade, mal rolle ich zu schnell nach vorne, mal tauche ich die Blätter zu tief ins Wasser. Ruth am Steuer fragt, ob wer einen Schluck Wein möchte und Heino erzählt im Start Set Witze.
Nachmittags entwickelt sich unter Anna Paulas gleichmäßigem Schlag auf dem Main zwischen Bettingen und Wertheim eine entspannte Reise, bei der Christof über eine Wanderfahrt auf der Donau ins Schwärmen gerät und Ana Paula als Rezept gegen schmerzenden Rücken "Rotwein!" empfiehlt. Als uns vor der nächsten Schleuse Start Set unter Heinos Führung erreicht, gibt der einen weiteren Schleusenwitz zum Besten.
Abends, wieder in Marktheidenfeld, verabschiedet sich Jürgen in den Mainzer Wahlkampf. Etwas enttäuscht bilanziere ich, dass wir nicht in den Genuss seiner Erzählungen über den "Zweiten Frittenheimer Konvent" gekommen sind, die uns von verschiedener Seite avisiert worden war - "Wartet ab, wenn der Jürgen mal in Fahrt ist, dann erzählt er bestimmt wieder...". Entweder eine Vereins-Legende oder Jürgen war nicht "in Fahrt".
Am nächsten Tag - unserem letzten - zieht die Wolkendecke zu und niemandem ist mehr so recht nach einem Sprüchen und Witzen zumute. Der peitschende Regen, die Wellen, der Wind, gegen den wir bis zur sechsten und letzten Schleuse unserer Fahrt ankämpfen, macht extrem maulfaul.
In Dorfprozelten setzen wir zum letzten Mal aus - Kilometer 140,8. Christof hat den Hänger vorgefahren. Die nächste Stunde ist mit Wischen, Schrauben, Verstauen gefüllt. Einige schlüpfen noch in trockene Klamotten, bevor Christof die Minna nach Mainz lenkt.
Hätte ja noch ein bisschen weitergehen können. Ob ich je die homöopathischen Kügelchen finde? Und was hat es nun wohl mit diesem "Frittenheimer-Konvent" auf sich?