Hartung
in Ägypten
Eine Nilkreuzfahrt
6. - 20. November 2008
Sie klatschen. TUIfly-Boeing 737 in Luxor gelandet, Flugbegleiterin nennt local time (11.58 Uhr, eine Stunde vor Heim-Zeit.). Touristen klatschen. Ich hatte gedacht, das gehört mittlerweile der Vergangenheit an. Klatschen nach erfolgreicher Landung. Aufatmen vielleicht. Ja! Klatschen? Andererseits. Was erwarte ich denn? Den zynischen Intellekt eins alternden Singles, der lieber überall drüber steht, als sich gemein zu machen? Soweit drüber, dass der regelmäßige Fall auch schön ordentlich weh tut und nur beweist, wie blöd die da draußen alle sind? Lass' sie klatschen!
Ich darf mich nicht blenden lassen. Ich habe zwei Wochen Ägypten bei Neckermann gebucht. Was erwarte ich? Und, genieße ich es nicht auch? Dieses gepamperte Reisen. Überall ein Reiseführer - sie unterscheiden hier fein zwischen Reiseleiter und Reiseführer. Jederzeit einer, den ich fragen kann, der mir Auskunft gibt. Weil das sein Job ist.
"Auskunft geben", deshalb ist der Mann - er heißt Ahmed, aber hier heißen alle Ahmed - hier. Um mir zu helfen. Ich bin Devisen-Vieh; zu blöd, in den Sand der Sahara zu pinkeln - "ssusammenblaibän, nähmen Sie Ihre Sachen mit, värgäässn Sie nix, Ja, hier ausstaigän für Fotto von MemnonKoloss maken" - aber sie helfen mir in jeder Situation.
Ich komme als Eroberer. Landen. Koffer. Bus. Kreuzfahrtschiff. Das geht so glatt ohne ein einziges Wort in der Landessprache. Die Neckerfrau fordert mich auf, kein Trinkgeld zu geben und der Koffermann, der meinen Koffer 50 Zentimeter weit trägt und in den Bus wuchtet, sagt "Chef, alles paletti" und hält die Hand auf. Als ich abwiegele, setzt er ein ich-habe-Frau-,-siebenunzwanzig-Kinder-und-das-hier-ist-mein-Lebensunterhalt-Gesicht auf. Ich kontere mit einem ich-habe-viel-Geld-für-diesen-Urlaub-bezahlt-und-Du-willst-für-einmal-Koffer-wuchten-Geld?-Gesicht. Eroberer zahlen nicht. Eroberer finden es selbstverständlich, dass ein Boy die Sache mit dem Koffer regelt.
Ein Fehler? Wegen deutscher Klatsch-Touristen? An Bord des Kreuzfahrers stelle ich fest, dass die Buchung an sich der Fehler ist. Die Pyramiden sind mein Ziel. Seit ich zehn bin, seit Asterix & Kleopatra, will ich Sphinx und Pyramiden sehen. So habe ich das gebucht. Nilkreuzfahrt-Pyramiden-Ägyptisches-Museum-Sphinx-Tauchen-in-Hurghada.
Aber ich fahre nicht zu den Pyramiden. Kairo ist gar nicht vorgesehen. Ich bin leichtgläubig. Ich habe die Buchungsbestätigung - "Kombiknüller" - nicht mehr hinterfragt. Jetzt habe ich einen anderen Kombiknüller. Die Reisebürotante hat einen falschen Buchungscode eingegeben. Und ich habe unterschrieben. Ohne zu gucken. Ohne zu prüfen. Ohne zu hinterfragen. Statt Pyramiden gibt es jetzt eine Woche Nilkreuzfahrt; und den Tempel von Abu Simbil muss ich extra zahlen. Wie soll ich da beim Pinkeln den Sand in der Sahara treffen? Warum nicht auch gleich die Ballonfahrt über Theben zusätzlich? Warum nicht diese insgesamt 180 Euro auch noch investieren? Wo ich schon mal hier bin.
Unser Tourguide heißt Ahmed. Klein, braun, drahtig, undefinierbares Alter; manchmal, im Gegenlicht, würde ich ihn auf Mitte Dreißig schätzen. Vielleicht ist er auch Mitte Vierzig. Ahmed kennt ägyptische Geschichte, ägyptisches Leben, weiß alles über alle Götter und spricht in klaren, kurzen deutschen Sätzen. Sein Bindewort ist "guck mal" - "Guck mal... Kopten". Alle ägyptischen Reiseleiter haben solche Bindewörter. Mohammed, genannt "Horus", etwa sagt dauernd "kann man so sagen" mit Betonung auf dem "so". Oder auch "meine lieben Gäste". Ich nehme an, das hängt mit dem ägyptischen Sprachfluss zusammen, weiß das aber nicht genau. Ahmed hat ein schneidendes Organ. Das braucht er, wenn er jede Woche eine neue Gruppe Touristen durchs Land, durch andere Touristengruppen, durch komplizierte Sakralbauten mit komplizierter Historie schleusen muss. 15 - 20 mal macht er die einwöchige Tour pro Jahr; Germanistik und Ägyptologie hat er studiert. Er erzählt gut. Verbindet ägyptischer Götter-Gräber-Pharaonen-Geschichte mit Anekdoten aus der Jetzt-Zeit; am Tempel in Kom Ombo erfahren wir, dass die Nubier nur Nubier heiraten dürfen und dafür viel Zeit brauchen - Frau auf Straße sehen, interessant finden, sich bei Familie erkundigen, einwandfreien Stammbaum nachweisen, sechs Monate bei Familie von interessanter Frau wohnen, "nicht dort leben", kein Sex, Hochzeitsfeier mit viel Geld und in der Nacht des ersten Beischlafs sitzt seine Schwiegermuter vor der Tür uns hält Wache: a., ist das Bettlaken angeblutet, b., ist Mohammeds "Obelisk" zeugungsfähig - wenn nicht, erfolgt die sofortige Scheidung.
Gleichzeitig erfahren wir, dass es bei den Göttern der alten Ägypter zugegangen ist, wie bei Gute-Zeiten-schlechte-Zeiten. Es wird geliebt, gehasst, gemeuchelt, geschwängert. Da werden Tote in vierzehn Teile zerrissen und über das ganze Land verteilt, sodass Isis, die Mutter des Toten Flügel bekam, weil sie die Einzelteile ihres Sohnes täglich besuchen wollte. Eine andere sammelte die Leichenteile ein, fand aber nur dreizehn, weil der vierzehnte von einem Fisch gefressen worden war, montierte die Teile wieder zusammen, mumifizierte sie, sprach einen Zauber und ließ sich dann von der fast vollständigen Mumie schwängern.
Ahmed erzählt das trocken. Show ist seine Sache nicht. Seine Strenge ist sein Charme. Anders etwa "Horus", der seine aus westfälischen Hausfrauen mit Anhang bestehende Reisegruppe mit allerlei Schabernack-Sprüchen bei Laune hält.
Ahmed erzählt gerne Witze. Für die zaubert er auch mal ein Lächeln in sein Gesicht. Es sind Oberägypter-Witze. Oberägypter-Witze sind die Ostfriesen-Witze Ägyptens. Ahmed ist Oberägypter. Es gelingt ihm mühelos, seinen Zuhörern ein Verständnis für die Umgebung zu bieten. Hier und da wird er weitschweifig und immer sind am Ende so viele Namen und Ereignisse auf uns nieder gegangen, dass sie, wenn wir den Tempel verlassen, bereits diffundieren. Aber sie haben uns den toten Sandsteinbau, die kaputten Obelisken erlebbar gemacht, fühlbar. Manches bleibt auch sitzen - die Zerstückelungsgeschichte etwa, oder das Drama um Hatschepsut, die der von ihr verdrängte Machthaber nach seinem Rückputsch an die Macht nicht einbalsamierte und die daher im Reich der Toten nicht weiterleben konnte. Aber wer noch der, der im Kampf gegen seinen Onkel ein Auge verlor, auch ein Verwandter der Hatschepsut? Er wird später in den Steinreliefs durch ... naja, ein Auge symbolhaft dargestellt. Die alten Ägypter hatten Sinn für das Wesentliche.
So klar im Vortrag, so zurückhaltend ist Ahmed im Zwiegespräch. Da fehlt der Charme. Er ist zurückhaltend, abwehrend beinah. Tour-Guide ist ein Beruf. Kein Freundschaftsdienst. Wenn man diese eine Woche zwanzig Mal pro Jahr wiederholt, in immer die gleichen neugierigen, fordernden, erwartungsvollen, leeren, Touristengesichter spricht, dann wird der Beruf zum Job; die Enttäuschung eines Vaters, der mit dem Leben seiner Kinder nicht einverstanden ist, spricht aus Ahmed, wenn er seinen Vortag beendet mit den Worten, „Sie können jetzt rrrumgehen, Fotos maken. Wir treffen uns in zwanzig Minuten beim Café am Ausgang“.
Eigentlich ist das Foto wichtiger als die Gute-Zeiten-schlechte-Zeiten-Story. Und nach zwanzig Minuten sitzt man wieder im Bus. Häppchen-Tourismus.
8.11.
Der Hingucker an Bord - jedenfalls aus Männersicht - kommt aus Holland. Sie trägt einen rosa Bikini und einen blonden Pferdeschwanz. Sie sieht nach Hochzeitsreise aus - der goldene Ring an ihrem Finger glänzt so frisch wie das baugleiche Modell am Finger ihres Begleiters. Zur Galabiyya-Party am dritten Abend kommt sie in einem hautengen blauen Seidenkostüm. Knapp geschnitten. Eine arabische Frau würde sich derart gerade mal ihrem Gatten hinter verschlossenen Türen zeigen. Die anderen gucken.
Die Männer raunen ihren Frauen, die die Figur eines massiven Nachttisches haben, zu „so was könntst a amol anziehen“. Die Frauen registrieren die körperlichen Unebenheiten im holländischen Satin; bemerken sofort den etwas zu dicken Bauch, der die hautenge Cover-Attraktion konterkariert.
Claudia aus Südhessen attestiert einen "Knackarsch".
9.11.
"Assuan - Der Film" - Katastrophenszenario; Bauingenieurin liebt modernen Fellachen; Staudamm bricht; eine 33-Meter-Flutwelle ersäuft binnen 13 Stunden ganz Ägypten. Nachdem wir den Damm gesehen haben, stelle ich fest, ich muss an dem Grund für die Katastrophe noch feilen - man kann den Damm nicht einfach ... "reißen" lassen, dafür ist er mit 980 Metern Breite am Sockel schlicht zu dick. Terroranschlag?
Schwierig. Man müsste eine Atombombe einsetzen - "mindestens", sagt Ahmed.
Bei einem Gewürzhändler. "Diiies Gewürrz" - ich glaube, Ingwer - "gibt Power", sagt der Verkäufer, ein schwarzhaariger Thomas Gottschalk des Bazaar-Lebens. "Für die Mann. HaHa." Eine Mutter aus dem Norddeutschen, kurz nach dem Krieg gezeugt, kauft eine Tüte voll, erwartungsfroh. Sie "Wie geht das?"
10.11.
Ich gewinne zunehmend den Eindruck, dass die Nil-Kreuzfahrt eine Kaffeefahrt ist, für die man allerdings 1800 Euro zahlt. Ahmed zum Beispiel rät uns, für den Fall, dass wir "Pharaos Fluch" erwischen, zu „Andinal“, einem Medikament, dass so ziemlich gegen alles gut scheint. Wir sollten das nicht von fliegenden Händlern kaufen; die würden zu viel verlangen. Er, Ahmed, könne uns das Medikament, das in Hurghada übrigens nicht im Hotel zu kriegen sei, man im Ernstfall also erst per Taxi in die Stadt fahren müsse, um es teuer zu kaufen, für nur drei Euro gleich hier überlassen. Wir sollen auch bei fliegenden Händlern kein Geld tauschen - viele wollen ihre gesammelten Euromünzen („Wasserr! Zwei Flaschen, ein Euro!“ „Fottos, ein Euro!“) bei den Touristen in Euro-Scheine tauschen, weil sie die Münzen in der Bank nicht in ägyptische Pfund wechseln können. Ahmed sagt, viele dieser Euromünzen seien gefälscht. Bei fliegenden Händlern sollen wir auch kein Wasser kaufen; man wisse nicht, mahnt Ahmed, was da drin ist. Auch solle man sich auf keinen Handel mit den Straßenhändlern einlassen; so was dauere viel zu lang und am Ende zahle man immer noch zu viel für zu schlechte Qualität. Ahmed macht einen seriösen Eindruck, wir glauben ihm; sind froh, so einen ehrlichen Botschafter seines Landes als Führer zu haben.
Das Bild bekommt Risse, als Petra und Claudia zwei Päckchen "Andinal" in einer Apotheke in Assuan kaufen - für 1,40 Euro, beide Päckchen. Es bekommt Risse, als Ahmed vor dem Tempel von Abu Simbil darauf hinweist, dass wir im Tempel weder fotografieren noch filmen dürfen. Wer Fotos wolle, der solle sich hier welche kaufen; und schon steht ein fliegender Händler bereit, uns für "nur drei Euro, guck mal" Fotos vom Tempelinneren zu verkaufen. Auch der Besuch im Papyrus-Laden - Küsschen rechts, Küsschen links für den Besitzer (so begrüßen sich ägyptische Männer) - der auf solchen Touren obligatorisch ist - "nicht auf Straße kaufen, ist nicht echtes Papyrus, guck mal. Gehen wir morrgän in Papyrus-Museum, zeigen wir, wie Papyrus gemacht wird" - ist wenig vertrauensbildend. Die Bilder sind teuer und langweilig. Aber am Ende kaufen viele Touristen. So, wie sie am Vortag auch Gewürze kaufen. War der Fotohändler in Abu Simbil ein Cousin Ahmeds? Wie viel Prozent Provision bekommt er vom Papyrus-Händler? Wie viel hat er an dem Geschäft mit "Andinal" verdient?
Der Besuch des Tempels von Abu Simbel kostet 88 Euro extra. Der Besuch des Light-and-Sound-Spektakels im Karnak-Tempel zu Luxor kostet 34 Euro extra. Eine City-Tour durch Assuan kostet 16 Euro extra. Eine normale Busfahrt Assuan - Abu Simbel Assuan kostet 20 ägyptische Pfund - knapp drei Euro. Möglicherweise wäre der Bus, der pro Strecke dreieinhalb Stunden fährt, noch weniger bequem, einen Reiseführer hätten wir auch nicht und natürlich kostet der Tempel Eintritt. Ich schätze, alles in allem wäre ich mit 10 Euro als "Individualist" auch in den Tempel gekommen und der DuMONT-, bzw. Merian-Reiseführer sagt mir, was ich wissen muss. Immerhin: Ahmed erzählt auch hier lebendiger. Für das Light-and-Sound-Spektakel im Karnak-Tempel haben sich einige zu einer "individuellen" Taxifahrt entschlossen. Sie zahlen am Ende etwa 13 Euro für den Abend samt Eintritt. Und die Ciity-Tour? Brachte mir den Besuch in einem schönen Park zu Infos, die ich schon hatte, dann den Besuch in einer Moschee - "leider Stromausfall, nichts können sehen" und schließlich der Lustwandel über einen Bazar zum bereits erwähnten, "hoch vertrauenswürdigen" und "besten Gewürzhändler der Stadt" - über den ein Nachbarhändler sagt, dieser sei ein Gauner und Lügner.
An Bord hat "unser Kameramann" die Touristen gefilmt. Am Abend wird das fertige Werk in der Bar gezeigt und zum Kauf angeboten - als Video (21 Euro) oder DVD (23 Euro). Wir sehen ein vorproduziertes, ältliches Touristikvideo im 4:3-Format, in das an bestimmten Stellen, wahllos Zoom-Schwenk-Zooms auf die Touristen an Bord geschnitten sind. Als Einleitung fungiert eine Bildergalerie zu den Klängen der Filmmusik von "Titanic". Die Reiseführerbilder der verschiedenen Tempel sind schon etwas blass, die der Touristen dagegen schreiend bunt. Wir sehen auch einen Tempel, in dem wir gar nicht waren. Musik, Blenden, Schnitt - nichts an diesem Film ist je durch die Hände eines Profis gegangen. Am Ende des Tages stehen zwölf Bestellungen für das Video.
11.11.
Reiseleiter Mofed erinnert uns, die 15, 20 Euro Trinkgeld für Reiseführer Ahmed zum Abschluss bereit zu halten. Gedrängt wurden wir schon mehrfach, "doch bitte endlich" weitere 20 Euro für die Besatzung des Schiffes zu zahlen - Trinkgeld, das "gerecht unter allen 70 Mannschaftsmitgliedern, die Sie hinter den Kulissen nie sehen, verteilt werden wird". Das pauschale Trinkgeld erspart uns den dauernden Griff zu Börse, wenn der All-Inclusive-Kellner das nächste Bier bringt. Laut Katalog ist dieses Pausch-Bakschisch schon mit dem Reisepreis abgegolten. Das weiß an Bord aber niemand.