Film

Buch Ich Links Mail
Filmauswahl

0-9 A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z

Zurück zur Homepage

Filminfo:
S:
somewhere

Plakat somewhere

Keine äußere Handlung
aber umso mehr Innere Dramatik

Titel somwhere
(somewhere)
Drehbuch

Sofia Coppola

Regie Sofia Coppola, USA 2010
Darsteller

Stephen Dorff, Elle Fanning, Michelle Monaghan, Chris Pontius, Erin Wasson, Alexandra Williams, Nathalie Fay, Kristina Shannon, Karissa Shannon, John Prudhont, Ruby Corley, Angela Lindvall, Maryna Linchuk, Meghan Collision, Jessica Miller, Elle Fanning, Lala Sloatman u.a.

Genre Drama
Filmlänge 97 Minuten

Inhalt

Das Chateau Marmont, ein Hotel in den Hollywood Hills. Hier logiert der Schauspieler Johnny Marco zwischen den PR-Terminen zu seinem jüngsten Film. Ziellos hängt er herum, bestellt sich Lab-Tänzerinnen, trinkt, bricht sich das Handgelenk und beantwortet auf groß eingerichteten Pressekonferenzen nichts-sagende Fragen leerer Journaisten, die einen offenbar sinnfreien Film gesehen haben.

Manchmal ist seine 11-jährige Tochter Cleo zu Gast, mit der er dann gemeinsam abhängt und dann unvermutet auch etwas länger, als seine Ex-Frau sich von jetzt auf gleich "für unbestimmte Zeit" vom Acker macht. Als Johnny seine Tochter im Feriencamp abgeliefert und die Zimmernachbarin gevögelt hat, wird auch ihm bewusst, wie leer sein Leben ist ...


Was zu sagen wäre

Und das alles ist nicht langweilig. Nach dem übicherweise hippligen Vorprogramm mit Werbung und Trailer nimmt Sofia Coppola erst einmal radikal das Tempo aus dem Zuschauerauge. Mehrere Minuten fährt ein schwarzer Ferrari im Kreis, fährt links ins Bild und rechst wieder raus, rechst wieder rein und links wieder raus, links wieder rein, rechts wieder raus und die Kamera steht stur auf dem Stativ.

Der Film ist kühl durchstrukturier, der Bildaufbau betont unspektakulär. Back to roots ist das Motto der Stunde. Da ist es besonders schade - weil bei lange stehenden Bildern so besonders auffällig - dass sich Coppola Unsauberkeiten bei Continuity und Frame leistet: Johnnys Gipsarm, auf dem sich nur sehr spärlich die auf Gips sonst üblichen Unterschriften sammeln, ist ein Zauberkasten. Da verschwinden auf einer Party Unterschriften, die in der Szene drauf wieder da sind. Zu oft und zu tief, als dass man noch von einem mangelhaften Projektor-Cache sprechen könnte, hängt das Mikrofon ins Bild

Frau Coppola muss arg angenervt sein vom alltäglichen Kino-Chichi in Californien, dem hektischen so-tun-als-ob, von den Posern, die Dinge als wertvoll verkaufen, die nicht einmal Dinge sind. Es gibt in diesem "Stummfilm" zwei Schlüsselszenen, die ihr ganzes Drama im allgemeinen und das der Filmwirtschaft im Besonderen deutlich macht. Zweimal nimmmt der einsame Schauspieler Pressetermine wahr. Der Film, in dem er spielt, wird von einem nichtssagenden Plakat beworben, seine Filmpartnerin ist beim locker-professionell abgespulten Fototermin deutlich gelangweilt, die Journalisten haben entsprechend auch keine Fragen zum Film, sondern zum Workout des Stars, in Italien fragt eine Journalistin vor der Live-Kamera, ob der gerade gelandete Hollywood-Star italienisch spreche und wie ihm die Stadt gefalle. Später auf der Bühne einer bizarren italienischen TV-Preisverleihung drückt man ihm ein Mikro in die Hand und kaum hat er "Buona Siera" gerufen, kommen halbnackte Tänzerinnen auf die Bühne. Fragen zum Film? Statements über die Schauspielerei? Will keiner wissen.

Eine geschlossene Gesellschaft aus spitz rechnenden Filmemachern, attraktiven Gesichtsverleihern, die als Stars verkauft werden, Fotografen, die nur auf den Auslöser drücken, wenn Stars ihr strahlendes Lächeln aufsetzen und Journalisten, die wissen, dass sich Glamour besser verkauft, als Filmkunst, der Waschbrettbauch allemal besser, als des Künstlers Ansicht zur italienschen/deutschen/independent Filmszene. Soweit haben das andere Filme schon anders und durchaus auch schon lebhafter gezeigt. Coppola geht deshalb den entscheidenden einen Schritt weiter - und zeigt die Auswirkungen dieser Leerlauf-Rotation: den Sinnverlust, die endgültige Entsozialisierung des Individuums.

Der Star ist reich und berühmt. Engagement braucht er bei der Jobsuche nicht mehr. Auch nicht mehr im Beruf. Er hat einen Waschbrettbauch und kann die Braue über den attraktiven Augen lupfen, das reicht heute im Business, Warum sich also anstrengen? Wofür? Die Frau hat ihn verlassen, na und? Er ist bekannt genug, dass dauernd junge Frauen vor ihm blank ziehen und auch nicht böse sind, wenn er dann an ihre Möse schnüffelnd einschläft. Und das Hotelpersonal ist stets servil für ihn da.

Überall bekommt er jederzeit gesagt, wie großartig er ist. Rätselhafte SMS'se, die ihm sagen, was er für ein Arsch sei, klickt er Schulter zuckend weg. Wozu die Aufregung?

Und Stephen Dorff, der den Hollywood-Beau spielt? Er ist brillant, jederzeit glaubwürdig, wenn sich nicht dauernd die Frage aufdrägte, ob er, dessen Karriere vor dem Durchbruch schon abknickte, eigentlich spielt, oder wirklich so kaputt ist.

An manchen Stellen wirkt "somewhere" wie ein Horrorfilm - Hotel California: You can check out any time you like. But you can never leave.

Der Film ist die Konzentration auf das Wesentliche des Kinos: Bild, Ton, Spiel. In gewisser Weise ist er damit der Avatar des Jahres 2010.

Wertung: 7 von 7 €uro

 

In Wikipedia heißt es

Die Dreharbeiten fanden im Juni und Juli 2009 in Los Angeles und Italien statt.
Offenbar flossen Coppolas eigene Erfahrungen als Tochter des Filmemachers Francis Ford Coppola in die Darstellung im Film mit ein. Auch Federico Fellinis Toby Damnit und Peter Bogdanovichs Paper Moon sollen den Film beeinflusst haben. Sofia Coppola wollte nach eigenen Angaben den Kontrast zwischen der Welt des Showbusiness Johnny Marcos und dem der Tochter aufzeigen. "Das Mädchen steht für das Wahre in einer Welt in der nichts echt ist." Coppola hätten Figuren interessiert, die sich in einer Übergangsphase befinden. "Dieser Moment, wo sie mehr in sich gehen und sich von der Außenwelt abschotten müssen, diese Phase interessiert mich". Wie in ihrem Oscar-preisgekrönten Film Lost in Translation spielt die Geschichte von somewhere in einem Hotel. Coppola, die als Tochter von Filmregisseur Francis Ford Coppola selbst viel Zeit in Hotels verbrachte, empfindet diese als "Welt für sich" und "Orte des Übergangs", die angemessen für ihre Figuren seien, da diese sich ebenfalls im Übergang befänden.

Der Film wurde bei seiner Premiere auf den Internationalen Filmfestspielen von Venedig überwiegend positiv von deutschsprachigen Kritikern aufgenommen. Thematisch würde Coppola an ihren Erfolgsfilm Lost in Translation anknüpfen.
Die Leere und die stillstehende Zeit würde die Regisseurin "geradezu physisch erfahrbar machen", so Susanne Ostwald (Neue Zürcher Zeitung). Obwohl somewhere nicht mit einer "aufsehenerregend originäre(n) Erzählidee" aufwarte, handle es sich um einen "wunderbaren Film". Peter Zander (Die Welt) bemerkte ebenfalls, dass Coppola "wunderbar lakonisch in langen, langsamen Sequenzen" ihre Figuren beobachte. Tobias Kniebe (Süddeutsche Zeitung) sprach von einer "definitive(n), auf die Minute aktuelle(n) Studie über jenen weltumspannenden Irrsinnszirkus […], den wir um die Idee der Prominenz herum konstruiert haben." Es sei ein Film über eine Generation, der alles zu leicht gemacht worden wäre, "ein Film darüber, welch absolute, existentielle Müdigkeit sich hinter dem Gesicht verbergen kann, das wir alle der Welt jeden Tag zeigen." Michael Althen (Frankfurter Allgemeine Zeitung) bemerkte, es sei der Trick Coppolas, dann einzusteigen, wenn "es bereits schief gegangen ist"“. "Wie Beziehungen gelingen oder auch nur schief gehen könnten, ist nicht ihr (Coppolas) Thema". Genauer und tiefer beschrieben als in somewhere sei "der traurige Alltag des Starkults wohl kaum". Für Marco Rauch ist das Handlungsgefüge ...nicht gerade besonders originell, aber es ist die Art und Weise wie Sofia Coppola ihre Geschichte erzählt und wie sich ihre Figuren durch sie hindurch bewegen, die den Film trotzdem zu etwas sehenswertem machen. Susan Vahabzadeh meinte in den Süddeutschen Zeitung: "Irgendwann einmal, wenn die Generation, der die 39-jährige Coppola angehört, auf ihr Leben zurückblickt, wird man vielleicht erkennen können, was für eine großartige Chronistin sie ist."