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InhaltApplaus erfüllt den Saal, als Charlotte zum Podium hochsteigt. Gerade wurde verkündet, dass sie als Erste aus ihrem 900-Seelen-Dorf in den Blue Ridge Mountains ein Stipendium für die Dupont University, Pennsylvania, erhält. Endlich wird das hoch begabte Mädchen in den Olymp des Wissens aufgenommen. "Charlotte, du bist dazu bestimmt, Großes zu tun", prophezeite ihre Lehrerin. Das hübsche Mädchen ist überglücklich, endlich darf sie in das Paradies der Gelehrsamkeit ziehen. An dieser bedeutendsten Universität des Landes wird sie erstmals auf Gleichgesinnte treffen, die wie sie die Welt zu durchdringen suchen. Doch kaum hat sie voller Idealismus ihr Studium begonnen, wird ihr klar, was an diesem Olymp des Wissens wirklich zählt: schicke Klamotten, sich bis zur Besinnungslosigkeit besaufen und natürlich Sex. In ihrer Naivität hätte Charlotte das nie für möglich gehalten, denn sie - ganz die Tochter ihrer religiösen Mutter - ist selbstverständlich noch Jungfrau. Schon bald umwerben sie drei Männer: ein verkopfter "Nerd", der die Welt revolutionieren möchte; ein "Anabolika-Trottel", der einzige weiße Basketballspieler im Uni-Team; und ein auf seinen Vorteil bedachter Schönling. Charlotte erwählt den Falschen - und braucht lange, um wie ein Phönix aus der Asche ihres Selbstverlusts aufzusteigen...
Was zu sagen wäre
Keine der 790 Seiten liest sich langweilig. Wolfes umfassende Recherche, deren Quellen er in den Danksagungen ausbreitet, angeführt von den semantischen Einlassungen seiner eigenen Kinder zum Thema Jugend-Sprech zu Beginn des 21. Jahrhunderts, lassen einen Kosmos erblühen, in der jede Figur nach wenigen Sätzen ein jederzeit wieder erkennbares Gesicht hat, der Campus quasi in 3D vor dem Leser liegt. Wunderbar geschrieben. Den Höhepunkt bilden zwei Kapitel im hinteren Drittel, in denen Charlotte "unten" ankommt und in tiefe Depression verfällt. Erst das Bankett, mit dem Charlottes persönlicher Höllensturz Fahrt aufnimmt und dann Weihnachten bei der geliebten Familie in den Blue Ridge Mountains, das ein großes, fröhliches Fest sein soll, für Charlotte aber ein in dumpfe Teilnahmslodigkeit würgender Spießrutenlauf von erwartungsfroher Liebe und drückender Erwartung wird. Nach dem brillanten "Fegefeuer der Eitelkeiten" und dem dem enttäuschenden "Ein ganzer Kerl" ist Wolfe mit "Ich bin Charlotte Simmons" auf der Höhe der Zeit. Ein Chronist seiner Zeit. Wolfe deckt nichts auf, was wir nicht schon - so oder ähnlich - ahnten (wüssten?). Er ordnet es nur ein und verknüpft die manchmal seltsam anmutenden Rituale der "Jugend von heute" mit der Zukunft, die sie längst umgibt. Ganz nebenbei sagt er damit nicht nur was über die "anderen", die jungen. Er sagt auch viel über die "einen", die alten. Das, was da an dieser Ivy-League-Uni passiert, passiert täglich. Überall. Gelesen vom 29. Januar bis 6. April 2007.
Der Autor: Nach Ein ganzer Kerl von 1998 ist Charlotte Simmons sein dritter Roman. |