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Kill your babies

Kapitel 1

Kill your babies: Auszüge aus Kapitel 1:

Abwärts mit Karacho

Alle Rechte bei Christoph Hartung
























Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder jedes andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Christoph Hartung im Januar 2002

Abwärts
mit Karacho

Textauszüge

Aus heutiger Sicht war es der erste satte Hinweis auf ein Drama, das mit dem Einsturz der Welt, der Explosion des Universums enden würde. Damals war es einfach nur Butter. Und eventuell ein netter Schmunzler zum Motto „Mann ich werde alt!“ bei unseren heutigen Abendgesellschaft.

Obwohl ich gerade nach Klettenberg gezogen war, wo es nach Auskunft der gängigen Vorurteile über diesen von „Volvo fahrenden Oberstudienräten“ bewohnten Stadtteil die besten Lebensmittelläden für gesundes, fair gehandeltes, biologisch einwandfreies Nahrungsmittel gab, war ich ins Belgische Viertel gefahren, wo zu Zeiten, als ich noch da wohnte, ein Bio-Supermarkt aufgemacht hatte, der eine Ladenfläche von mindestens drei Fußballfeldern besaß und einfach alles hatte. Natürlich auch Butter. Im Kühlregal fast ganz hinten links, vorbei an den Cola-Alkohol-Mixgetränken „ohne Zucker“ und dem Aktionsregal für die rasch wechselnden State-of-the-Art-Milchprodukte „von Höfen aus dem Kölner Umland“. Gleich hinter dem Durchgang zum Getränkeabhol-Lager, in dem neben Kisten mit Bio-Bier, Bio-Wein, Biofructal-Vollfruchtsäften auch die blauen Volvic-Kisten standen. Auf dem Weg zum Regal mit der Butter, der letzten Zutat, die ich für unsere Kocharie am Nachmittag noch brauchte, fiel mir ein, dass ich einen Kasten Quellwasser ohne Kohlensäure auch noch mitnehmen könnte. Wieder im Auto und schon drei Ampeln weiter mitten im Baustellenverkehr auf den Kölner Ringen fiel mir ein, dass ich auf dem Weg zum Butterregal die Butter aus den Augen verloren hatte.

Ich hatte die zweite Hälfte der 30 überschritten und viel gehört über Männer in diesem Alter, die es sich noch mal zeigen wollten, die es den Frauen noch mal beweisen mussten und die, wenn sie es noch nicht getan hatten, ein Häuschen bauen oder zumindest ein Bäumchen pflanzen wollten. Kinder zeugen wollten immer weniger. Manchmal hatte ich auch gehört, man werde vergesslich im Alter, aber dieses Alter hatte ich mir eher jenseits der 50 oder der 60 vorgestellt, oder gleich undefinierbar. Jedenfalls weit weg. Ich war ja noch jung. Aber ich hatte auf dem Weg zum Butterregal die Butter vergessen. Womöglich hatte ich die ersten Ausläufer eines Alters erreicht, über das ich schon viel gehört hatte. 

Kurz hinter dem Rudolfplatz gab es eine Möglichkeit, zu wenden, aber diese Spur war noch verstopfter als die Geradeausspur mit der Baustelle, also ließ ich den U-Turn bleiben und staute weiter Richtung Barbarossaplatz, wo ich Richtung Luxemburgerstraße und neuem Zuhause abbiegen konnte. Die Butter konnte ich auch um die Ecke bei dem schnuckeligen Krämerladen kaufen, der den Eindruck zu erwecken versuchte, hier schon immer gewesen zu sein, tatsächlich aber erst vor knapp einem Jahr die Räumlichkeiten von einem Pleite gegangenen Wolle-Laden übernommen hatte. Oder noch besser: Ich könnte Martina fragen, ob sie auf dem Nach-Hause-Weg noch schnell Butter besorgen könnte. Ohne hinzugucken tippte ich die Schnellwahltaste „1“ auf meinem Handy und sofort war das Freizeichen über die Radioboxen in meinem Dreizwodrei zu hören. 

Auf diesen Abend freuten wir uns seit Wochen. Martina hatte eine Arbeit gefunden, die mehr versprach, als lediglich ein weiterer Job zu sein zwischen Ende des Studiums und erwachsen werden. Der Assistentenjob im Logistikzentrum der Post im Rheinland versprach gute Aufstiegsmöglichkeiten. Beim Einstellungsgespräch hatten sie Martina zu verstehen gegeben, jetzt solle sie mal zeigen, was sie könne, und nach der Probezeit sei ihr der Bereichsleiterposten kaum zu verweigern, „bei Ihren Zeugnissen“. Damit war klar gewesen, dass Martina sich die nächsten sechs Monate vor allem um ihren Job kümmern würde. Mein Job forderte mich nicht heraus. Ich würde mich wohl umhören müssen nach was Neuem. Bis dahin würde ich mich unserer neuen Wohnung hingeben, denn darum ging es eigentlich: Nach sieben Jahren waren wir endlich zusammen gezogen und hatten in einem Altbau in Klettenberg unseren Traum gefunden. Ausbaufähig, für den Fall, dass Kinder kommen sollten. Ich konnte mir vorstellen, die Rolle des Hausmanns zu übernehmen, das war eine der Perspektiven, die ich mir selber gesetzt hatte. Heute Abend war unsere Einweihungsparty. Zwölf Leute würden wir sein. 

„Hallo Philippe“, meldete sie sich nach dem siebten Tuten, ihr Display hatte wohl meinen Namen gezeigt. „Tut mir leid, aber jetzt geht es gerade gar nicht! Bis heute Abend...“ Ihre Stimme hatte zwischendrin gepresst geklungen und dann musste sie die rote „Aus“-Taste nicht richtig erwischt haben. Ich hörte ein kurzes dumpfes Krächzen im Hörer, das erzeugt wird, wenn man über die Sprechmuschel kratzt, oder wenn das Handy beiseite geworfen wird. Dann hörte ich meine Freundin aufschreien. Es war kein Kreischen wie das von der Babysitterin in Halloween. Es war ein dunkler Schrei, ein Bass-Schrei. „Hat was Lustvolles“, dachte ich, während ich auskuppelte und ihr regelmäßiges Stöhnen den Innenraum des Autos erfüllte, während es auf die rote Ampel zurollte. 

So wie jetzt, während ich darauf wartete, dass die Ampel auf Gelb umspringt, erlebte ich Martina eher selten, dachte ich und beschwichtigte mich, dass das ja auch normal sei nach so vielen Jahren der Zweisamkeit. Da waren längst andere Dinge, die verbinden. Blindes Vertrauen etwa oder stummes Verstehen oder das gemeinsam Erlebte und dieser Reflex, beim Thema Sex sofort die hehren Werte zu zitieren, die eine Beziehung in Wirklichkeit ausmachen. Als es Grün wurde, wurde mir klar, wie bescheuert dieser Gedankengang war und würgte den Motor ab. Hörte ich Martina gerade..., wurde sie in diesem Moment...? Wütendes Gehupe, quietschende Reifen, aufheulende Motoren, die an mir vorbeischossen, während ich regungslos am Steuer meines beigefarbenen DreiZwoDrei saß und wie ferngesteuert Anstalten unternahm, den Motor wieder in Gang zu bringen. Zu Martinas Stöhnen hatte sich das Brummen eines großen haarigen Tieres gesellt, das in ihren Rhythmus einfiel. Als beider - offenbar gemeinsamer - Höhepunkt aus meinen Boxen krachte, sprang der Motor an und die Ampel auf Rot. 

An diesem Abend kochten wir nicht. Es kamen auch keine Gäste. Da, wo eben noch ein Leben gewesen war, mit Martina, mit Kindern in der neuen Wohnung, in einer Zukunft, die irgendwie, am Ende aber glücklich und auf jeden Fall aber Zukunft war, war ein großes Loch. Ich tapste durch die Wohnung, ziellos von einem Raum in den anderen; in jedem Möbel hallten mir Geschichten entgegen, gemeinsames Lachen, Streit, bei dem sie geweint hatte - „Fehler gemacht. Selbst schuld!“. Was war passiert? Wieso...? Ich rannte aufs Klo und kotzte. 

„Du hast nicht richtig aufgelegt, als wir kurz telefoniert haben“, sagte ich, nachdem sie Hallohooo-flötend zur Tür herein spaziert war, ihre Tasche, wie jeden Abend auf das Schuhbrett unter der Garderobe geworfen hatte, mir, wie immer, einen flüchtigen Kuss auf die Wange hauchte, in die Küche ging, wo sie sich ein Vittel eingoss und dann wohl meinen Blick bemerkte und mit der Unschuld einer Neugeborenen „Was’n los?“ fragte. Sie brauchte einige Sekunden, meine Antwort in ihren vergangenen Tag einzubauen und sich zu erinnern, in welcher Situation wir telefoniert hatten. Dann atmete sie einmal hörbar aus, stellte ihr Glas ab und sagte „Scheiße“.

(...)