Film

Buch Ich Links Mail

Leseproben

Ich lese momentan Bücherregal
Zurück zur Homepage

Buchvorstellung:
Bücherregal:
Leseproben:

Das Imperium der Elche

Kapitel 1

Kapitel 3

Kapitel 8

Coverentwurf: Das Imperium der Elche

Auszüge aus Kapitel 1:

Gut Licht, Gut Ton und volle Kassen

Alle Rechte bei Christoph Hartung
























Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder jedes andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Christoph Hartung im Januar 2002

Gut Licht, Gut Ton
und volle Kassen

Textauszüge

2.

Am nächsten Morgen hatte sich das Gewitter, das Felix und Anne auf dem Rückweg vom Griechen durchnässt hatte, verzogen. Heute morgen strahlte die Sonne am völlig wolkenlosen Himmel, der dann "weiß-blau genannt wurde". Wenn es nicht regnete, das Wetter halbwegs trocken war, war der Himmel, glaubte man den Leuten beim Radio, eigentlich immer weiß-blau, ganz so, als müssten sich die Bayern ihren Nationalstolz mit dem Wetterbericht holen. Und gerade morgens redeten sie im Radio dauernd über das Wetter.

"Umfragen unter den Hörern haben ergeben, dass den Menschen am morgen offenbar nur interessiert, ob er einen Regenschirm brauchen wird und er eine dicke Jacke anziehen muss!", sagte Anne, als WEISS-BLAU gerade zum vierten Mal in der Stunde zwischen 6 und 7 Uhr den "ausführlichen Blick auf's Wetter" ankündigte und dann Werbung brachte.

Die Newsleute berichteten ausführlich, wie die heimischen Fußballvereine gespielt hatten, dass es auf der A 96 bei Lindau einen Unfall gegeben hatte --Voraussetzung für diese Meldung war, wie ihm Anne erklärt hatte, dass es mindestens einen Toten gegeben hatte-- und dass "Tom Berger aus der Wetterredaktion Ihnen jetzt sagt, was Sie anziehen sollten. Oder, besser gesagt, nicht anziehen sollten, nicht wahr, Tom: Es soll heiß werden heute!" "Ganz richtig, Mike", sagte Tom Berger, der Wettermann, "bis zu 19 Grad kann es in Teilen Bayerns werden und das können wir Anfang November ruhig mal heiß nennen. Am Besten haben es da die Oberbayern, die bei leichtem Föhn mit einer grandiosen Fernsicht rechnen können..."

"Föhn?", fiel ihm der Moderator Mike ins Wort, "und ich dachte schon, ich hätte Kopfschmerzen, weil ich gestern nach dem Robbie Williams-Konzert noch so lange Backstage war!"

"Richtig", lachte dann wiederum Wettermann Tom, "denken Sie dran, lassen Sie es ruhig angehen, wenn Sie anfällig für Föhn sind", und nachdem ihn Moderator Mike noch einmal unterbrochen hatte, um darauf hinzuweisen, dass er "später in der Stunde" einen ausführlichen Bericht vom Konzert liefern werde und "vor allem natürlich, wer sich hinterher in den Katakomben der Olympiahalle noch so alles mit wem ein Stelldichein gegeben hat", gab der "Wetterfachmann" als Fazit bekannt, dass das Wetter "heute richtig bayerisch weiß-blau" wird.

Vier Minuten nach Beginn der News lief wieder Musik und Felix hatte nichts gehört, was er nicht schon in der morgendlichen Zeitung gelesen hatte.

"Du solltest dich rasieren." sagte Anne.

Felix strich mit der Hand über sein kratziges Kinn. "Echt? Schon wieder?"

Sie sah vom Bayernteil der Zeitung auf und sagte: "Deine Bauarbeiter sind nicht rasiert. Aber hast du deren Chef schon mal unrasiert gesehen? Ihr braucht so was, glaub mir. Rasiert sein heißt, einen Bürojob zu haben, heißt, Autorität zu versprühen. Du hast den täglichen Anzug akzeptiert, nun akzeptiere auch die Außenwirkung einer Trockenrasur!"

Sie hatte natürlich Recht. Als er nach München gezogen war, um endlich seinen Traumjob anzutreten, war sie mit ihm losgezogen und hatte vier Anzüge mit ihm ausgesucht. Ein Betriebsleiter müsse auch durch seine Kleidung deutlich machen, dass er es nicht mehr nötig habe, sich die Finger schmutzig zu machen.

"Aber das ist doch albern." hatte er damals gesagt.

"Natürlich ist das albern, aber so funktioniert nun mal die Arbeitswelt.", hatte sie fröhlich erwidert. "Schon die alten Rittersleut haben nicht einfach eine Rüstung getragen. Nein, sie haben eine strahlende Rüstung getragen --Seht her, ich bin der Größte!"

Als er jetzt vor dem Spiegel im Badezimmer stand, stellte er wieder fest, dass der Anzug ihm eine Autorität verlieh, die er in seinen alten Jeans, Sweatshirts und Hemden, die er während der ganzen Zeit in Hannover und heute immer noch privat trug, nicht hatte.

Er zog sich Jackett, Krawatte und Hemd aus, um die Rasur nachzuholen und überlegte, dass er sich nicht fühlte, wie ein Ritter, auch nicht in dieser "Rüstung". Hauptsache, die anderen sehen so was in mir, dachte er und setzte die Klinge an.

Eine Stunde später saß Felix Mühlen, frisch rasiert, an seinem viel zu großen Schreibtisch in einem viel zu kleinen Büro. Beides gefiel ihm gut. Ein Schreibtisch konnte gar nicht groß genug sein. Er war ein Instinktarbeiter, der mit organisiertem Abheften, Einordnen, Wegstellen nicht gut umgehen konnte. Auf seinem Tisch stapelten sich Papiere und Unterlagen, die zu finden ihm noch nie Probleme bereitet hatten. Daneben erinnerten ihn zahllose kleine Zettelchen daran, noch irgend etwas im Haus zu kontrollieren oder jemanden anzurufen und wenn das erledigt war, ließ er die Zettelchen liegen, wo sie waren, weil ihm das die Suche nach häufig benötigten Durchwahlnummern erleichterte.

Weil er also nichts von Aktenschränken hielt, störte ihn die Größe seines Büros überhaupt nicht. Ein Schrank, zwei Regale, zur Hälfte voll mit Erinnungsstücken an Filmpremieren, Starbesuche oder gelungenen Aktionen in einem der Kinos, füllten den Raum aus. An den Wänden hingen Wechselrahmen mit Plakaten, die vollgekritzelt waren mit den Autogrammen der beteiligten Stars. Anne hatte ihm geraten, bei nächstbester Gelegenheit dennoch einen größeren Raum zu beziehen.

"In München ist die richtige Präsentation des Status' ganz, ganz wichtig. Als Betriebsleiter oder Manager oder wie immer das bei Euch heißt, kannst du wichtige Geschäftspartner nicht in einer besseren Abstellkammer empfangen".

Zur Rüstung sollte das passende Schloss, hatte sie damit gemeint.

Mühlen kam sich vor, wie ein Knappe, der unerkannt eine Rüstung überstreifte und jetzt nicht wusste, wie man darin kämpft. Wie verhielt man sich als Chef? Er war das vorher nie gewesen! In Hannover, am Stammsitz der MAXIDOME-Verwaltungs GmbH, wo er Mitte der Achtziger --abgeworben aus Köln-- angefangen hatte, lief er noch immer unter der Bezeichnung "Mitarbeiter / Marketing" --so stand es auch in seinem Vertrag, an dem sich, bis auf die finanzielle Ausstattung, nichts geändert hatte. Für München hatte sein Chef ihm endlich einen neuen Vertrag versprochen. Darin sollte er dann als "Betriebsleiter" geführt werden.

Mühlen wollte eigentlich längst seinen Rundgang durchs Haus begonnen haben, saß aber immer noch am Telefon und musste sich zusammenreißen, seinem Gesprächspartner nicht dessen bajuwarische Gemütlichkeit um die Ohren zu hauen.

"Wir schaffen das nicht, Herr Mühlen, und wenn sie sich auf den Kopf stellen. Der Hans und der Toni vertragen den Föhn nicht, sind aber morgen bestimmt wieder da und der eine Tag..."

"...kann entscheidend sein", fiel ihm Mühlen ins Wort, "Ihre Bummeligkeit wirft unseren gesamten Zeitplan über den Haufen."

"Na na, jetzt werden Sie mir mal nicht unverschämt. Bisher haben wir geliefert, wie vereinbart."

"Toll, und die Wandbespannung in Kino 11 kam eine Woche zu spät."

"Moment", sagte Kreuzpointner gedehnt, "das war unsere Lieferant aus Italien, wo's gestreikt haben. Das ist höhere Gewalt, und die ist vertraglich abgedeckt."

Mühlen wollte gerade platzen, als Ralf Lobisch mit einer jungen Frau im Schlepptau im Büro auftauchte. Er war nicht sonderlich überrascht. Lobisch tauchte immer dann auf, wenn er ihn überhaupt nicht gebrauchen konnte. Lobisch war der Boss der MAXIDOME-Kette, seit sich der Firmeninhaber, Wilhelm Scherer, aus dem aktiven Geschäft weitgehend zurückgezogen hatte. Lobisch hatte Mühlen alles beigebracht, was der über Kinomanagement wissen musste --vom ersten Spatenstich für ein neues Haus bis zum laufenden Betrieb. Als Anne vor zwei Jahren nach München zurückgezogen war, hatte Mühlen die achte Eröffnung eines Multiplexkinos in verschiedenen Funktionen hinter sich gebracht und es war klar, dass sein nächster Job in München sein musste. Eine Wochenendehe hatten beide oft genug erlebt, und so gerne er auch nach einem der üblichen Vierzehn-Stunden-Tage die Tür allein hinter sich schloss --es gab auf der Welt keinen Menschen, mit dem er so gut allein sein konnte, wie mit Anne. Sie verstanden sich ohne Worte, und wenn sie Worte benutzten und mit ihnen Nächte füllten, verstanden sie sich noch besser. Er wollte bei ihr sein.

Es traf sich also gut, dass in München gerade das ehrgeizigste Projekt des Unternehmens entstehen sollte. Das Münchner MAXIDOME wurde das teuerste Multiplex der Firma und Lobisch war kein vernünftiger Grund eingefallen, seinem Zögling den Wunsch, "München zu machen", zu verweigern.

Jetzt knallte Mühlen den Hörer auf die Gabel: "Ich sag' Dir, diesen Kreuzpointner bringe ich persönlich um! Am Premierenabend! In Kino 8, wo die Gäste sich dann gerade über den nackten Beton wundern und sich fragen werden, wie die fehlende Schallisolierung das SOUND:X-Zertifikat rechtfertigen. Hallo Ralf!"

Lobisch schüttelte seine Hand. "Was ist los?"

Während Mühlen einen Lagebericht gab, in dem er einige Punkte lieber ausließ, sah sich seine Begleiterin, die stehengelassen wie ein warmes Bier an der Tür lehnte, im Büro um. Sie war eine attraktive Mitdreißigerin und entsprach dem Typ Frau, mit dem Lobisch besonders gerne ausging. Ihr Gesicht hatte was mäuschenhaft hübsches; die Nase spitz, die Lippen voll, die Augen dunkelbraun. Diese Augen registrierten sehr genau die Umgebung. So überleben Mäuse, dachte Mühlen. Ihre Figur hatte nichts mäuschenhaftes. Mäuse hatten nicht solche Rundungen. Sie trug schwarz. Schwarze, hochgeschlossene Bluse, schwarzer Rock, eng, lang und mit Schlitz, darunter schwarze Nylons, die in ebenfalls schwarzen Slippers endeten. Immerhin flache Schuhe. Ein Mäuschen mit High Heels auf der Baustelle hätte Mühlen gerade noch gefehlt. Als einzigen Farbtupfer gönnte sie sich eine silberne Halskette. Die ursprüngliche Farbe ihrer züchtig zu einem Knoten gewundenen Haare war unter Jahren verschiedener Tönungen nicht mehr zu erkennen war. Momentan waren die Haare dunkelrot.

"Ach so, und bevor ich das vergesse", lächelte Lobisch und deutete auf die Schönheit, "sag Hallo zu Susanne Hofer!"

Aus der Ferne hörte er eine Kirchturmglocke. Es musste also elf Uhr sein.

Ihr Händedruck konnte sich mit dem der Bauleute unten im Foyer messen. "Hallo, ich heiße Susanne." "Felix...!" Irgendwas gefiel ihm nicht. Das Mäuschen-Image und der Bauarbeiter-Händedruck passten nicht zusammen.

"Felix, Susanne wird mit in die Leitung des Hauses einsteigen. So ein großes Haus kann nicht von einem allein geleitet werden und daher wird sie die Büroorganisation übernehmen."

"Aha..."

"Magst du keine Frauen in Führungspositionen?" Ihr schönes Lachen war einem harten Tonfall gewichen.

"Wie bitte!"

"Ich meine, hast du Probleme mit Frauen, die Verantwortung übernehmen?"

Das hatte Mühlen gerade noch gefehlt, ein Kampfweib.

"Hast Du Probleme mit Männern, die Verantwortung haben?"

"Sollte ich?"

"Wird das ein heiteres Beruferaten? Was wird deine Aufgabe bei uns sein?"

Lobisch mischte sich ein: "Susanne wird sich vor allem um das kümmern, was an Arbeit im Büro anfällt. Also Rechnungen, Bestellungen, Dienstpläne. Dich brauche ich vor allem unten im Foyer. Da, wo die Musik spielt. Du sollst den Kontakt zum Kunden halten, den Mitarbeitern auf die Finger sehen, Kinogefühl rüber bringen."

"Kinogefühl..."

"Und, Susanne, Felix ist schon seit vielen Jahren bei uns. Er kennt den Betrieb in- und auswendig und natürlich ist er also in gewisser Weise der Chef im Haus. Aber ihr wisst, wieviel ich von solchem Hierarchiequatsch halte. Wenn es ein Problem gibt, kommt bitte direkt zu mir."

Mit dieser Betriebspolitik war Lobisch immer gut gefahren. Selbst der Kartenabreißer konnte jederzeit zum Chef. Einen Dienstweg, den es einzuhalten gab, gab es bei ihm nicht. Lobisch war in der Firma, seit er mit vierzehn als Kartenabreißer angefangen hatte. Heute war er die treibende Kraft hinter MAXIDOME. Die Tür seines Chefs, der damals nur über 5 Mitarbeiter geherrscht hatte, war stets verschlossen gewesen. Personalgeschichten hatten Wilhelm Scherer nicht interessiert. Lobisch herrschte heute über mehrere hundert Mitarbeiter in ganz Deutschland. Seine Politik der Offenen Tür hatte es ihm ermöglicht, immer über alles in seinen Häusern informiert zu sein. Jeder Betriebsleiter musste jeden Moment damit rechnen, vom Chef eine Standpauke wegen Vorgängen zu bekommen, von denen der noch gar nichts wusste. Der Personalwechsel an der Spitze der Kinos war hoch. Die wenigstens hielten diesen Stress aus. Auf der Teamleiterebene dagegen saßen seit Jahren dieselben Leute. Leute, die gelernt hatten, sich ihre Vorgesetzten zu erziehen. Spurten neue Betriebsleiter nicht, fütterten sie Lobischs offenes Ohr mit kalkuliert erfundenen Geschwätzigkeiten. Lobischs innige Verbundenheit zum "kleinen Angestellten" ließ ihn auf fast jedes Gerücht reagieren.

Mühlen hatte Jahre in Lobischs Nachbarbüro gesessen. Beide Büros verband eine Tür, die Lobisch ausgehängt hatte. Er brauchte engen Kontakt, konnte auch Mühlen so schneller zu sich zitieren und Mühlen sah es als Vorteil, dass Lobisch seine Arbeitsweise kannte, die selten von einer Mittagspause unterbrochen wurde, und erst gegen neun Uhr abends nach ließ.

Ralf Lobisch hatte um eine Hausführung für seine neue Mitarbeiterin gebeten und während Mühlen ihr den Aufbau des Vorführraumes erklärte, "Wir sind in der Lage, alle Kinos von diesem Raum aus zu überwachen und zu starten. Nur das große, das Premierenhaus mit elfhundertachtunddreißig Plätzen hat einen eigenen Vorführraum", sah Lobisch aufmerksam in alle Ecken, um etwaige Mängel aufzudecken. Natürlich würde er welche entdecken. Aber Mühlen hatte sein Haus bislang im Griff. Er kannte jeden Bauarbeiter mit Vornamen, wusste, wo welche Leitungen im Haus verlegt waren und konnte die Geschichte jedes einzelnen Bauabschnitts auswendig runter beten und, warum es Verzögerungen gab. Dabei hielt er sich zu gute, dass die Verzögerungen bisher minimal waren. Auch deshalb, weil der ein oder andere schon mal eine unbezahlte Überstunde schob, damit Mühlen seinen Zeitplan einhalten konnte. An solchen Tagen konnte es spät werden, weil Mühlen den Leuten vom Bau dann einen Kasten Bier hinstellte und erst nach Hause ging, wenn der Kasten leer war. Das Arbeitsklima im Haus war gut.

(...)